Zu Gast bei Erdoğan

Heute steht unser erstes Europapokal-Auswärtsspiel der diesjährigen Saison an. Aus bekannten Gründen können wir unsere Mannschaft dieses Jahr nicht durch Europa begleiten. In den vergangen Jahren haben wir dabei großartige Geschichten erlebt, die immer wieder gern erzählt werden: Die einzigartige Atmosphäre in Liverpool, der Ukraine-Trip nach Tschernobyl, mit Busfahrer Vladi nach Lyon oder der mysteriöse Schiss ins Bidet in Braga.

Als kleiner Throwback, der die Sehnsucht nach Europapokal – Abenden etwas lindern soll, hier der bisher unveröffentlichte Bericht zu unserem Istanbul-Trip vor ziemlich genau drei Jahren:

Başakşehir Istanbul – TSG Hoffenheim 1:1

Zum zweiten Spiel der EL-Gruppenphase sollte es für uns nach Istanbul gehen. Allerdings nicht gegen einen der großen Istanbuler Vereine, sondern gegen Başakşehir Istanbul, einem Verein aus dem Nordwesten der Stadt, der 2014 aus einer Betriebssportmannschaft der Istanbuler Stadverwaltung hervorgegangen war und inzwischen von einer großen Krankenhauskette, aber auch vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan unterstützt wird.

Tag 1: Anreise

Nachdem es lange Zeit so aussah, als würde ich die Tour nach Istanbul allein in Angriff nehmen, konnte doch noch etwas Überzeugungsarbeit geleistet und Begleitungen gefunden werden. Dank des zusätzlichen Feiertages konnte mit nur zwei Urlaubstagen eine ausreichend lange Reise in diese interessante Stadt gemacht werden. So ging es Dienstagmorgen gemütlich los, um von Stuttgart nach Istanbul zu fliegen. Nach einem angenehmen und unspektakulären Flug landeten wir auf dem Flughafen auf asiatischer Seite der Stadt. Dort war dann erstmal der gebuchte Transfer zu unserem Hotel im Zentrum, etwa 80km vom Flughafen entfernt, trotz aller Bemühungen nicht auffindbar, sodass man hier improvisieren musste. Da war ich auch schon das erste Mal froh nicht allein unterwegs zu sein.

Die gefundene Alternative stellte sich als durchaus interessant heraus. Denn plötzlich hielt unser Fahrer auf einer vielbefahrenen Autobahn vor einem mit Warnblinker stehenden Auto auf dem Standstreifen an. Obwohl LKWs nur im Zentimeterabstand an uns vorbeifuhren, wurde der Fahrer gewechselt und weiter ging es. Allerdings nicht wirklich weit, da der neue Fahrer seine Brille vergessen hatte und nichts sah, sodass das gleiche Spielchen wiederholt werden musste, um die Brille zu übergeben. Nachdem wir uns dann fast zwei Stunden durch den Verkehr gewühlt hatten, kamen wir völlig übermüdet an unserem Hotel an.

Tag 2: Das Angelgewicht und der Schwarzmarkt

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen orientierte man sich erst einmal, bevor wir dann an die bekannte Galata-Brücke liefen, um die ersten Eindrücke der Stadt aufnehmen zu können. Auf der Brücke, auf der sich viele Türken zum Angeln treffen, wurde ich auch erstmal fast von einem Angelgewicht erschlagen. Wie hätte man denn diese Geschichte jemandem erklären können? An der Brücke traf man sich auch mit einigen weiteren Leuten aus der Szene, mit denen man dann ein bisschen das Touri-Programm durchzog. Dabei bot der Galata-Turm im gleichnamigen Stadtviertel eine ausgezeichnete Aussicht über die riesige Stadt. Für uns ging es dann weiter zum Stadion von Besiktas, wo am Abend das CL-Spiel gegen Monaco stattfinden sollte. Nach einigen Diskussionen mit den Ticketverkäufern verzichteten wir auf den Kauf, da auch hier angeblich eine Online-Registrierung, wie bei normalen Ligaspielen in der Türkei üblich, erforderlich gewesen wäre. Später erfuhren wir, dass das Spiel sowieso bereits ausverkauft war. Auf den Kauf von Schwarzmarkttickets verzichteten wir ebenfalls, weil die Preise mit 500 TL, also etwa 125 € völlig überteuert waren. So setzte man stattdessen das Touri-Programm fort und ließ sich durch den Trubel des Großen Bazars treiben. Am Ende des Tages sollte der Schrittrekord aus Liverpool, damals 27.000 Schritte, mit knapp 20.500 Schritten deutlich verfehlt werden.

Tag 3: Der Spieltag

Am Morgen des Spieltags hieß es dann erstmal weiter einen auf Touri machen und so besuchte man unter anderem die Blaue Moschee oder den Topkapi Palast bevor man sich dann gegen Abend zum Treffpunkt mit den restlichen Leuten von 11hoch3 aufmachte und dann in einer anfangs völlig überfüllten Metro Richtung Stadion fuhr. Dort lief man erst einmal ums halbe Stadion, bevor man am Gästeblock ankam. Die Einlasskontrollen zählten dann zu den ätzendsten Kontrollen, die man in all den Jahren mitgemacht hatte. Einmal Schuhe ausziehen, Münzgeld abgeben, wobei es im Block am Fressstand dann Münzgeld als Rückgeld gab (Da hat sich der Sicherheitsdienst wohl noch etwas „dazuverdient“). Dann folgte das absolute Highlight der Kontrollen: Die Zaunfahnen wurden abfotografiert und im Google Translator übersetzt, was sicherlich zu interessanten Ergebnissen geführt haben wird. Sowohl unsere Auswärtszaunfahne, als auch die Sektion Flugangst-Zaunfahne durften dann leider nicht mit in den Block, da eine „vermummte“ Person darauf zu sehen ist. Dank der freundlichen TSG-Mitarbeiter mussten die Zaunfahnen während des Spiels nicht bei einem zwielichtigen Wachmann liegenbleiben, sondern konnten in die Mannschaftskabine gebracht werden – das hat auch nicht jede Zaunfahne geschafft. Nachdem man dann nochmals die Schuhe ausziehen und sich dieses Mal ganz luxuriös auf eine ausgebreitete Mülltüte stellen durfte, konnte man dann endlich pünktlich zum Spielbeginn in den Block.

Das ca. 17.000 Zuschauer fassende Stadion besteht aus einem schmalen Unterrang und einem etwas breiterem Oberrang, indem sich auch der Gästeblock befindet. Von Seiten der Gastgeber gab es zwei „größere“ Stimmungsblöcke: Einer auf der Gegentribüne und einer hinter dem Tor neben dem Gästeblock. Aufgrund der geringen Anzahl an mitgereisten Hoffenheimern, handgezählte 47 Leute, verzichteten wir auf einen organisierten Support.

Das Spiel reihte sich nahtlos in unsere wenig erfolgreichen Europapokalauftritte ein…mehr ist dazu auch nicht zu sagen, sodass es sich hierbei mal wieder um einen Spielbericht ohne Spielbericht handelt.

Nach Spielende gab es keine besonderen Ereignisse mehr und so ging es für uns mit dem Taxi zurück in Richtung Hotel. Dies sollte sich für uns Dorfkinder dann doch noch als Erlebnis herausstellen: Einmal von Nord nach Süd, quer durch die Stadt über zum Teil achtspurige Straßen mit Spurwechseln kreuz und quer. Mit 130 durch 30er-Zonen; dabei schaut sich der Fahrer nochmal die Karte an, um zu sehen, wo er eigentlich hinmuss, während die Motorkontrollleuchte des in die Jahre gekommenen Taxis leuchtend-rot vor sich hin brannte. Nach sechs Minuten Fahrtzeit hatten wir schon fünf Minuten auf der von Google-Maps prognostizierten Zeit gut gemacht. Unsere Begeisterung für die erlebnisreiche Fahrt quittierte der Taxifahrer mit einem schulterzuckenden „Istanbul…“

Tag 4: Schifffahrt über den Bospurus

Um die gefühlte Niederlage am Vortag zu verdauen wollten wir unseren letzten vollen Tag in Istanbul nochmal nutzen und entschieden uns dazu eine Schifffahrt über den Bosporus zu machen, was sich als absolut lohnenswertes Highlight herausstellen sollte. Viel Spaß hatten wir dabei besonders beim obligatorischen Foto mit der Sektion Flugangst – Zaunfahne und der Vorstellung, welch Ironie es doch wäre, mit dieser Zaunfahne in der Hand auf einem Schiff unterzugehen. Außerdem war es eine Erleichterung unbeschwert mit dem Schiff unter Brücken durchzufahren ohne besorgt sein zu müssen, dass Mannheimer Dixi-Taucher eimerweise bestes städtisches Kulturgut über einen entleeren.

Zum Abschluss des Tages stand noch etwas Sightseeing an bevor es dann am nächsten Tag zurückgehen sollte. Komischerweise schafften es meine beiden Mitreisenden die Abfahrt aufgrund des Zeitunterschiedes fast zu verpeilen…Bis heute mysteriös, warum beiden das Gleiche passiert ist 😉

 

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