50 Plus Dietmar

Nun ist es also soweit: Vadder Hopp übernimmt zum 1.7. offiziell das Sagen in der GmbH. Nicht, dass das vorher nicht auch schon so gewesen wäre, aber nun eben auch bestätigt von DFL und den stimmberechtigten Mitgliedern des Vereins. Seit 1989 unterstützt Dietmar nun schon die TSG – 26 Jahre.

7 Jahre zuvor – 1982 – ging beim FSV Mainz 05 eine Ära zu Ende: Jürgen Jughard starb bei einem Autounfall. Jughard war Vorsitzender und Mäzen des FSV. Durch seine Zuwendungen in Millionenhöhe wurden die Mainzer 1982 Deutscher Amateurmeister. Mit dem Tod (und der Entdeckung, dass der Großteil der Mittel durch Veruntreuung herbeigeschafft worden war) befand sich der Verein auf einmal in großen Schwierigkeiten. Was das nun mit der TSG und Dietmar Hopp zu tun hat?
Nun, dafür müssen wir etwas ausholen:

Dietmar fing 1989 an die TSG finanziell zu unterstützen. Damals befand sich der Verein in der Kreisliga und führte das relativ unspektakuläre Dasein, das ein Dorfverein nun mal führt. Mit den großen Titeln, um die sich die großen Vereine in der Bundesliga stritten hatte man so viel zu tun wie Rainer Wendt mit Objektivität. Langsam ging es aufwärts. Die ganze Geschichte wollen wir jetzt nicht wiederholen, sie sollte bekannt sein.

16 Jahre später – die TSG spielte mittlerweile in der Regionalliga – kam es jedoch zu einem spürbaren Paradigmenwandel: Das Dasein als mittlerweile etablierte Drittligamannschaft war augenscheinlich nicht genug. Die Profiabteilung wurde ausgegliedert, es wurden Pläne über eine Fusion und das neue Stadion geschmiedet und öffentlich wurde das Ziel „Bundesliga“ bzw. „Profifußball“ kommuniziert. Mit aller Macht wurde das Projekt angegangen: neuer Trainer, neuer Manager, neue Spieler. In der zweiten Liga gaben wir mehr Geld für Transfers aus als alle anderen Vereine zusammen. Woher das Geld stammte weiß jeder.

2008 dann der Aufstieg in die erste Fußball Bundesliga.
Im selben Jahr wurde auch das Mitgliedssystem geändert: Vermutlich aus Angst vor einem „hostile takeover“ waren nur noch die Mitglieder des Vereins stimmberechtigt, die entweder vor dem 12.12.2008 eingetreten oder ab dem 12.12.2008 mindestens fünf Jahre förderndes Mitglied waren und zugleich aktiv im Verein einen Sport ausübten.
Mit dieser Reform wurde verhindert, dass sich die Mitgliedsstruktur der stimmberechtigten Mitglieder verändert. Eine Mitgliedschaft im TSG Hoffenheim 1899 e.V. hatte ab diesem Zeitpunkt nur noch einen ideellen Wert. Viele Leute, die sich erst später intensiv mit dem Verein auseinandersetzten sahen ab diesem Zeitpunkt keinen Sinn mehr darin, Mitglied im Verein zu werden. Außer einem Vorkaufsrecht gab es de facto keine Vorteile und eben auch keine Möglichkeit, sich aktiv in das Vereinsgeschehen einzuschalten und dieses mit zu prägen. Die Masse der bestehenden, stimmberechtigten Mitglieder kann man indes nicht als kritische Versammlung bezeichnen. Ohne diesen die Fähigkeit zur eigenen Meinungsbildung abzusprechen muss man doch sagen, dass vieles einfach abgenickt wurde. Zum einen ist das natürlich verständlich: Da bringt jemand meinen Dorfverein in die Bundesliga – „Dietmar wir danken dir!“. Doch sollte man Dankbarkeit nicht zu blindem Gehorsam verkommen lassen.

Ohne Frage: Ohne Dietmar Hopp wäre die TSG heute nicht da, wo sie jetzt ist. Doch um welchen Preis? Was passiert nach seinem Ableben, wenn er sich zurückzieht, weil er sich nicht mehr in der Lage dazu sieht rationale Entscheidungen zu treffen oder wenn er einfach keine Lust mehr hat? Teilen wir dann das Schicksal der Mainzer und stehen kurzzeitig vor starken Problemen?

Nun, zumindest Dietmar hat sich nun Planungssicherheit geschaffen: er stellt zum einen sicher, dass mit seinen Investitionen und den von ihm geschaffenen Werten nicht Dinge getan werden, die er nicht möchte und stellt sich und die GmbH gleichzeitig auf zukunftssichere, rechtlich korrekte Beine. Im Falle seines Ablebens oder sonstigen Ausscheidens als Entscheidungsträger gehen seine Anteile maximal an einen Familienangehörigen, also an eine Person, der er vertraut (davon gehen wir zumindest aus). Für uns bedeutet das jedoch, dass die TSG für immer von der Familie Hopp abhängig sein wird. Dass sie für immer mit ihr verbunden sein wird steht außer Frage, so wie jeder Verein nun mal seine Persönlichkeiten hat, die seine Geschichte geprägt haben. Doch bei uns ist es viel mehr als nur ein „Prägen“ – es ist ein „Erschaffen“ und letzten Endes auch ein „Herrschen“. Man denke nur doch nur einmal zurück an die Saison 2010/11, als es zum Streit auch über die generelle Ausrichtung zwischen dem damaligen Trainer Ralf Rangnick und Dietmar kam. Ralf Rangnick ging und was folgte war eine sportliche Irrfahrt mit den Stationen Pezzaiuoli, (Stanislawski,) Babbel, Kramer und Kurz, welche wir mit mehr Glück als Verstand nicht in der Zweitklassigkeit beendeten.

Mit der Übernahme von 96% der Stimmanteile in der GmbH konterkariert Dietmar nun sämtliche Bekundungen, die TSG in die Unabhängigkeit zu führen. Natürlich lässt sich sagen, dass die TSG tatsächlich ohne seine Person existieren kann, ohne in eine Situation der Orientierungslosigkeit zu stürzen wie sie die Mainzer erlebt haben. Eine echte Unabhängigkeit, im Sinne eines demokratischen Vereins, in dem die Mitglieder das letzte Wort bei weitreichenden Entscheidungen haben wird es jedoch jetzt nie mehr geben. Anstelle von Dietmar hätte in dem Fall, dass er sich zurückziehen würde nun sein Sohn Daniel das Sagen. Während man dem Vater noch zu gute halten kann, dass er wirklich mit Herzblut bei seinem Verein dabei ist, so lässt sich das von seinem Sohn zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Daniel kümmert sich um die SAP Arena und ist den Mannheimer Adlern deutlich mehr verbunden als unserer TSG. Dieser nicht vorhandene Blick durch die Augen eines Fans kann zwar den Vorteil haben, dass der Betrieb TSG rational geführt wird, doch in einem solch emotionalen Geschäft (und nichts anderes ist der deutsche Profifußball) ist es nötig, mit Leidenschaft bei der Sache zu sein. Wir wissen natürlich nicht, was einmal sein wird und wollen Daniel auch nicht unterstellen, dass er nicht sein Bestes geben würde. Wir haben nur unsere Zweifel.

Doch genug der Spekulationen und Kritik an Anderen. Wir wussten um die Möglichkeit dieser Problematik und trotzdem haben wir nichts unternommen. Zeit für Selbstkritik:

Wir – und damit meinen wir nicht nur unsere Gruppe, sondern alle anderen, die sich als Teil der aktiven Fanszene verstehen – haben in den letzten 10 Jahren den Fehler gemacht und uns mit dem Thema Mehrheitsübernahme schlichtweg kaum auseinander gesetzt. Zum einen mag das daran liegen, dass wir eine junge Szene sind und unsere eigene Entwicklung sicherlich die erste Priorität war, zum anderen muss man auch von einer gewissen Lethargie sprechen, was das Thema betrifft. Es ist nicht so, dass wir uns nicht mit unserer de facto nicht vorhandenen demokratischen Vereinsbasis auseinander gesetzt hätten. Wir haben diesem Thema nur leider nicht die Priorität zugemessen, die es im Nachhinein eigentlich verdient gehabt hätte. Wir waren uns stets bewusst, dass die TSG ohne Dietmar nicht eigenständig in der ersten (wahrscheinlich sogar zweiten) Liga hätte überleben können bzw. es immer noch nicht kann.
Die Gründe für diese Lethargie mögen zum einen darin liegen, dass man den Worten Dietmar Hopps vertraut hat („Der Verein soll unabhängig von meiner Person existieren“), zum anderen aber auch darin, dass sich das Anstoßen einer solch gewaltigen Änderung als fast unmögliche Aufgabe für unsere kleine kritische Gruppe darstellte. Lethargie wurde so fast schon zu Resignation.

Wie machen wir jetzt weiter? Rennen wir einfach Woche für Woche ins Stadion und tun das, was jeder von uns erwartet: Kunden sein und unser Maul halten?
Nein. Wir werden in Zukunft jede Handlung aller Führungskräfte noch genauer beobachten, einordnen, kommentieren und kritisieren. Öffentlich und auch auf den internen Kommunikationswegen, die uns zur Verfügung stehen. Wir werden versuchen mit rationalen, logischen Argumenten auf die Entscheidungsträger einzuwirken und sie zum Nachdenken anregen – wenn man so will eine Art Außerparlamentarische Opposition bilden. Bei allen Dingen, die man uns als Hoffenheim Fans vorwerfen kann – egal ist uns der Verein und seine Zukunft auf keinen Fall. Wir stammen von hier, wir leben hier, wir sind mit dem Verein aufgewachsen und haben durch ihn Freundschaften gefunden, die wir nicht missen wollen und Geschichten erlebt, die wir nie vergessen werden. Nennt uns ruhig Kunden, Idioten und Hurensöhne. Sprecht uns unsere Integrität, Mündigkeit und die Fähigkeit zur Emotionalität ab. Es ist uns scheißegal.
Hoffenheim ist ein Teil von unserem Leben und wird es auch bleiben.

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